Wissen ist, nach einer traditionellen Definition, "wahre, gerechtfertigte
Meinung" ("justified true belief"). Stellen wir uns folgendes vor:
Smith und Jones haben sich um einen bestimmten Job beworben. Smith hat
starke Gründe, an die Wahrheit der folgenden Proposition zu glauben:
(a) Jones ist der Mann, der die Stelle kriegen wird, und Jones hat
zehn Münzen in der Tasche.
Smith' Gründe mögen z.B. sein, dass der Präsident des Unternehmens,
bei dem er sich um die Stelle bewarb, ihm versicherte, dass Jones sie
kriegen würde, und dass er selbst vor zehn Minuten die Münzen in
Jones Tasche gezählt hatte.
Aus (a) folgt (b): Derjenige, der die Stelle bekommt, hat
10 Münzen in der Tasche.
Nehmen wir an, dass Smith die Schlussfolgerung von (a) nach (b)
akzeptiert, weil er ja starke Gründe für (a) hat. Smith ist
demnach gerechtfertigt zu glauben, dass (b) wahr ist. Aber stellen wir
uns weiterhin vor, dass Smith selbst, nicht Jones, die Stelle kriegen
wird, obwohl er noch nichts davon ahnt. Und dass er selbst, wie Jones,
zehn Münzen in der Tasche hat. Dann wäre (b) wahr, auch wenn (a) falsch
wäre. Smith hätte die wahre Meinung (b) und wäre darin gerechtfertigt,
sie zu glauben. Aber wir würden nicht sagen, dass er (b) "weiß".
Edmund L. Gettier: Is justified true belief knowledge?. - In: Analysis 23 (1963) H. 6,
121-123.
Hier online.
Gibt es eigentlich irgendeinen anderen Aufsatz von Gettier, den man noch
liest?
Dieser Aufsatz führte die sogenannten Gettier-Fälle in die Diskussion
darum ein, was Wissen ist, und die Literatur zum Thema, die auf Gettier
folgt, ist im Wesentlichen Reaktion auf diese Gettier-Fälle. Die Strategie
besteht meist in der Anpassung des Wissensbegriffs, d.h. im Erheben einer vierten
(oder weiterer) Bedingung. Die Strategie dagegen besteht dann darin, einen Fall
zu erfinden, der diese Bedingungen erfüllt und auch nicht als Wissen gilt.
Siehe auch: Land der falschen Scheunen, Zebras und verkleidete Esel
Gettier, Edmund L.
Erkenntnistheorie
Zeitgenössisches Gedankenexperiment
Geändert am:
8. Februar 2009