Ein Werk identisch in der Klangstruktur mit Schoenbergs Pierrot lunaire (1912), aber komponiert von Richard Strauß 1879, würde ästhetisch von Schönbergs Werk sich unterscheiden. Nennen wir es "Pierrot lunaire*". Als ein Werk von Strauß würde Pierrot lunaire* folgen auf Brahms' Deutsches Requiem, wäre zeitgenössisch zu Debussys Nocturnes und würde als nächster Schritt in Strauß' Entwicklung nach dem Zarathustra angesehen werden. Als solches wäre es bizarrer und aufregender, schmerzvoller und unheimlicher als Schönbergs Werk, betrachtet in Hinblick auf seine musikalische Tradition, das Feld zeitgenössisches Stile und [Strauß'] Werk erscheint es doppelt extrem. (Meine Übersetzung)
Levinson, Jerrold: What is a musical work. In: The Journal of Philosophy 77 (1980) 1, 5-28, hier 11.
Das Gedankenexperiment ist verwandt mit dem
Pierre Menard, und tatsächlich verweist
Levinson in einer Fußnote auf Borges' Text (S. 10, Fn. 13). Levinson bringt
insgesamt 5 Beispiele, etwa: wenn ein mit Mendelssohns Musik zum Sommernachtstraum
identische Klangstruktur um 1900 geschrieben worden wäre, wäre sie epigonal etc.
Den Pierrot lunaire* habe ich aber in einem späteren Aufsatz zitiert gefunden.
Levinson geht es darum zu zeigen, dass man nicht vom Entstehungskontext
absehen kann, wenn man die Identität eines Werkes bestimmt. Der Entstehungskontext
ist für ihn eine "Eigenschaft" eines Werkes, und das bedeutet, dass auch gleiche
Klangstrukturen, die zu unterschiedlichen Zeiten komponiert würden, sich in
unterschiedlichen Entstehungskontexten befänden und damit unterschiedliche
Werke wären. Diese Überlegung scheint mir die Intuition zu treffen, die ich
teile, dass wir dazu tendieren, Werke nicht absolut und für sich zu
betrachten. Das spiegelt sich auch in der Neigung, Werke Künstlern
(Autoren / Komponisten) zuzuordnen: eine Form der Kontextualisierung.
Das Argument im Menard ist, dass die Kenntnis des Kontexts hilft, den
Gehalt des Werkes zu verstehen. Ästhetischer Externalismus: "The meaing
just ain't in the piece"!
Levinson, Jerrold
Ästhetik
Zeitgenössisches Gedankenexperiment
Geändert am:
8. Februar 2009