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gedankenexperimente:fehlender_blauton

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gedankenexperimente:fehlender_blauton [2019/01/06 16:04]
jge [1. Szenario]
gedankenexperimente:fehlender_blauton [2019/01/06 16:09]
jge [5. Schlagworte]
Zeile 12: Zeile 12:
 »Man nehme nun einen Menschen, der dreissig Jahre lang sein Gesicht gehabt und mit allen Arten von Farben bekannt geworden ist, eine einzige Schattirung z.B. von Blau ausgenommen,​ welche er zufällig niemals gesehen hat. Wenn man diesem nun alle Schattirungen dieser Farbe, mit Ausnahme dieser einen, vorlegt, die allmählich von der dunkelsten zur hellsten ansteigen, so wird er offenbar eine Lücke bei dieser fehlenden Schattirung bemerken, und er wird empfinden, dass hier die nächsten Farben mehr von einander abstehen, als sonst wo. Ich frage nun, ob es ihm möglich sein wird, aus seiner Einbildungskraft diese fehlende zu ergänzen und sich die Vorstellung von dieser besonderen Schattirung zu bilden, obgleich seine Sinne sie ihm niemals zugeführt haben? Ich glaube, nur Wenige werden sagen, dass er es nicht könne. Dies kann als ein Beweis gelten, dass die blossen Vorstellungen nicht immer und überall von ihren entsprechenden Empfindungen sich ableiten. Indess ist dieser Fall so vereinzelt, dass er kaum Beachtung verdient, und ich brauche seinetwegen den allgemeinen Grundsatz nicht zu ändern.« »Man nehme nun einen Menschen, der dreissig Jahre lang sein Gesicht gehabt und mit allen Arten von Farben bekannt geworden ist, eine einzige Schattirung z.B. von Blau ausgenommen,​ welche er zufällig niemals gesehen hat. Wenn man diesem nun alle Schattirungen dieser Farbe, mit Ausnahme dieser einen, vorlegt, die allmählich von der dunkelsten zur hellsten ansteigen, so wird er offenbar eine Lücke bei dieser fehlenden Schattirung bemerken, und er wird empfinden, dass hier die nächsten Farben mehr von einander abstehen, als sonst wo. Ich frage nun, ob es ihm möglich sein wird, aus seiner Einbildungskraft diese fehlende zu ergänzen und sich die Vorstellung von dieser besonderen Schattirung zu bilden, obgleich seine Sinne sie ihm niemals zugeführt haben? Ich glaube, nur Wenige werden sagen, dass er es nicht könne. Dies kann als ein Beweis gelten, dass die blossen Vorstellungen nicht immer und überall von ihren entsprechenden Empfindungen sich ableiten. Indess ist dieser Fall so vereinzelt, dass er kaum Beachtung verdient, und ich brauche seinetwegen den allgemeinen Grundsatz nicht zu ändern.«
  
-===== 2. Quelle ​=====+===== 2. Szenario ​=====
  
- +Wenn jemand ​über Jahre hinweg viele verschiedene Dinge gesehen hätte in den verschiedensten Farbtönen, dabei aber nie einem ganz bestimmten Blauton begegnet wäre, dann hätte er nie aus der Erfahrung die Vorstellung ​von diesem bestimmten Blauton gewinnen könnenWürde er aber nicht trotzdemwenn man ihm alle die ihm bekannten Blautöne nebeneinander in aufsteigender Tönung auffächerte,​ erkennen können, an welcher Stelle der Abstand zwischen zwei gezeigten Tönen größer wäre und dass also eine Schattierung fehlte? Und könnte er diese nicht in seiner Vorstellungskraft ergänzen?
-David Hume: An enquiry concerning human understanding (EA 1748), Sect. 2. +
- +
-Deutsch als: Eine Untersuchung ​über den menschlichen Verstand. Übers. u. hg. von Herbert HerringVerb. Aufl. Stuttgart: Reclam1982.+
  
 ===== 3. Anmerkung ===== ===== 3. Anmerkung =====
Zeile 27: Zeile 24:
 Ich frage mich, ob diese Stelle belegt, dass Hume sich die Farbskala diskret dachte. Denn nur dann kann es ja eine echte Frage sein, ob jemand, der die Vorstellung nicht hat, das Fehlen eines Farbtons bemerkt. Wäre die Farbtafel, von welcher der Proband wählen soll, in Farbübergängen gemalt, so wäre sie an der Stelle des fehlenden Tons bzw. Tonraums mit einem Mal diskret, und das wäre natürlich zu merken; wenn nicht eine solch kontinuierliche Skala mit unendlich vielen Blautönen ausgestattet zu denken wäre, so dass das Fehlen eines bestimmten Tons ohnehin auffallen würde. In jedem Fall fragt sich, ob wir nicht aus unserer Kindergartenerfahrung,​ dass Farbabstufungen aus der Mischung verschiedener Farben in unterschiedlichem Maße entstehen, Farben ohnehin nicht als einfache '​Ideen'​ im Kopf haben, sondern als zusammengesetzte. Denn die Fähigkeit zur Neu-Zusammensetzung bereits vorhandener Ideen ist natürlich auch für Hume nichts besonderes. ​ Ich frage mich, ob diese Stelle belegt, dass Hume sich die Farbskala diskret dachte. Denn nur dann kann es ja eine echte Frage sein, ob jemand, der die Vorstellung nicht hat, das Fehlen eines Farbtons bemerkt. Wäre die Farbtafel, von welcher der Proband wählen soll, in Farbübergängen gemalt, so wäre sie an der Stelle des fehlenden Tons bzw. Tonraums mit einem Mal diskret, und das wäre natürlich zu merken; wenn nicht eine solch kontinuierliche Skala mit unendlich vielen Blautönen ausgestattet zu denken wäre, so dass das Fehlen eines bestimmten Tons ohnehin auffallen würde. In jedem Fall fragt sich, ob wir nicht aus unserer Kindergartenerfahrung,​ dass Farbabstufungen aus der Mischung verschiedener Farben in unterschiedlichem Maße entstehen, Farben ohnehin nicht als einfache '​Ideen'​ im Kopf haben, sondern als zusammengesetzte. Denn die Fähigkeit zur Neu-Zusammensetzung bereits vorhandener Ideen ist natürlich auch für Hume nichts besonderes. ​
  
-===== 5. Schlagworte =====+===== 5. Literatur ===== 
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 +Enthalten in: Cohen 2010, 36-44; Baggini 2017, 121-123; Tittle 2005, 112-113. 
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 +===== 6. Schlagworte =====
  
  
-Hume, David (1711-1776) +  * Hume, David (1711-1776) 
-Philosophie des Geistes +  ​* ​Philosophie des Geistes 
-Klassisches Gedankenexperiment+  ​* ​Klassisches Gedankenexperiment
gedankenexperimente/fehlender_blauton.txt · Zuletzt geändert: 2019/01/06 17:32 von jge