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gedankenexperimente:taeuschender_daemon

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Täuschender Dämon. Evil Demon. Genius malignus

1. Quelltext

René Descartes: Meditationes de prima philosophia, in qua Dei existentia et animae immortalitas demonstratur … Erstdruck 1641. Deutsche Übersetzung von Julius Kirchmann unter dem Titel: Untersuchungen über die Grundlagen der Philosophie, 1870. Aus der Ersten Meditation. http://www.zeno.org/nid/20009161104

»Dennoch haftet in meiner Seele eine alte Ueberzeugung, dass es einen Gott giebt, der Alles kann, und der mich so, wie ich bin, geschaffen hat. Woher will ich nun wissen, dass, wenn weder die Erde noch der Himmel noch ein ausgedehntes Ding noch eine Gestalt noch ein Ort beständen, Gott es unmöglich wäre, zu bewirken, dass dennoch Alles dies, so wie jetzt, mir da zu sein schiene? Auch kann, so wie Andere nach meiner Ansicht sich sogar in dem irren, was sie auf das vollkommenste zu wissen meinen, auch ich mich irren, wenn ich zwei und drei zusammenrechne oder die Seiten eines Vierecks zähle, oder sonst etwas, was man sich als noch leichter ausdenken könnte. – Aber vielleicht hat Gott mich nicht so täuschen wollen, denn er heisst ja der Allgütige? – Allein wenn es seiner Güte widersprochen hätte, mich zu schaffen, dass ich immer getäuscht würde, so würde es sich mit ihr ebensowenig vertragen, dass ich bisweilen getäuscht würde, und doch kann man dies nicht bestreiten. – …

Ich will also annehmen, dass nicht der allgütige Gott die Quelle der Wahrheit ist, sondern dass ein boshafter Geist, der zugleich höchst mächtig und listig ist, all seine Klugheit anwendet, um mich zu täuschen; ich will annehmen, dass der Himmel, die Luft, die Erde, die Farben, die Gestalten, die Tone und alles Aeusserliche nur das Spiel von Träumen ist, wodurch er meiner Leichtgläubigkeit Fallen stellt; ich werde von mir selbst annehmen, dass ich keine Hände habe, keine Augen, kein Fleisch, kein Blut, keine Sinne, sondern dass ich mir nur den Besitz derselben fälschlich einbilde; ich werde hartnäckig in dieser Meinung verharren und so, wenn es mir auch nicht möglich ist, etwas Wahres zu erkennen, wenigstens nach meinen Kräften es erreichen, dass ich dem unwahren nicht zustimme, und mit festem Willen mich vorsehen, um nicht von jenem Betrüger trotz seiner Macht und List hintergangen zu werden.«

2. Szenario

Täuschen wir uns nicht manchmal in dem, was wir wahrnehmen? Was, wenn es einen bösen Dämon gäbe, so wie man sich Gott vorstellt: allmächtig und allwissend, könnte der uns nicht darin betrügen, wie die Welt wirklich ist, indem er unseren Sinnen etwas vorgaukelt, was gar nicht da ist? Wenn dem so ist, dann ist keine unserer Wahrnehmungen wirklich sichere Grundlage der Welterkenntnis.

3. Argumentative Funktion

Die erste Meditation gilt der Frage, was man sicher wissen kann und was damit als Fundament aller Erkenntnis taugt. Die sinnlichen Wahrnehmungen sind es offenbar nicht, denn in diesen findet man sich hin und wieder getäuscht. Descartes stellt die gleiche Frage dann radikaler: was, wenn man nicht nur die einzelne Wahrnehmung in Zweifel zieht, sondern alle auf einmal? Was bleibt dann übrig? Bekanntermaßen bleibt für Descartes das eigene Denken übrig.

4. Kommentar

Descartes beginnt seine Überlegung mit einem Hinweis auf den anerzogenen Glauben an einen allmächtigen Gott, um dann sich statt einen solchen Gott einen 'bösen' Dämon vorzustellen. Das ist die frühneuzeitliche Variante des Gehirns im Tank. Dass Descartes das „Ich denke“ übrig bleibt, veranlasste schon Georg Christoph Lichtenberg zu der Bemerkung:

»Wir werden uns gewisser Vorstellungen bewußt, die nicht von uns abhängen; andere glauben, wir wenigstens hingen von uns ab; wo ist die Grenze? Wir kennen nur allein die Existenz unserer Empfindungen, Vorstellungen und Gedanken. Es denkt, sollte man sagen, so wie man sagt: es blitzt. Zu sagen cogito, ist schon zu viel, so bald man es durch Ich denke übersetzt. Das Ich anzunehmen, zu postulieren, ist praktisches Bedürfnis.« (Sudelbuch K, 76) http://www.zeno.org/nid/20005270227

5. Schlagworte

  • Klassisches Gedankenexperiment
  • Erkenntnistheorie
  • Descartes, René (1596-1650)
gedankenexperimente/taeuschender_daemon.1546253838.txt.gz · Zuletzt geändert: 2018/12/31 11:57 von jge