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gedankenexperimente:theorie_wortgeschichte

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jge [2. Chalybäus 1839]
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 ===== 2. Chalybäus 1839 ===== ===== 2. Chalybäus 1839 =====
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 +Obwohl die deutschsprachigen Wörterbücher des 19. Jahrhunderts keinen Eintrag zum "​Gedankenexperiment"​ zeigen, gibt es durchaus weitere Fundstellen. Eine seltsame Fundstelle ist Heinrich Moritz Chalybäus’ //​Historische Entwicklung der spekulativen Philosophie von Kant bis Hegel//, das 1837 in erster Auflage erschien. Das Werk erschien als Ausarbeitung einer Vorlesung, die für »wissbegierige Verehrer der Wissenschaft«,​ also philosophische Laien, im Winter 1835/36 gehalten worden war. In vierzehn jeweils rund zweistündigen Vorlesungen stellt Chalybäus die philosophische Entwicklung dar. Die zweite, "​verbesserte und vermehrte"​ Auflage erschien bereits 1839, diesmal in siebzehn Vorlesungen. In dieser überarbeiteten Fassung heißt es in der Fünften Vorlesung (S. 82ff), als Chalybäus Herbarts »Konstruktion des intelligiblen Raumes« erklärt und auf Kant bezieht. Der leere Raum sei 
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 +//»nichts an sich; er ist oder bedeutet bloß das Verhältniß,​ in welchem die Realen unter sich vorgestellt werden. Daß dem so sei, geht aus dem **einfachsten Gedankenexperiment** herovr: Stelle ich mir eine einzige Monas für sich vor, so kann ich gar keinen Ort bestimmen, wo sie ist; sie ist an gar keinem Orte, sie ist, könnte man sagen, überall, wohin man sie nur versetzen mag, und sit doch nirgendwo an einer bestimmten Stelle. Einen Ort erlangt sie erst dadurch, sie kommt dadurch gleichsam erst zum Feststehen, daß ich mir einen zweiten Punct denke, von dem sie in bestimmter Distanz sein soll. Ich versetze also beide Puncte in eine gemeinschaftliche Raumvorstellung,​ denke sie mir durch einen Raum verknüpft.« (S. 102)//
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 +In der gleichen Auflage schreibt Chalybäus an späterer Stelle zur Erläuterung der »speculativen Philosophie«: ​
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 +//​»Speculation im engsten Sinne wird also dieses schaffence Construiren oder **experimentirende Schaffen in Gedanken** selbst sein, woran der menschliche Geist zunächst seine eigenen Gesetze abnimmt; da er sich aber im Mittelpunkte des allgemeinen Naturbewußtseins befindet, oder eben das Bewußtsein selbst ist, zu welchem die allgemeine Naturthätigkeit kommt, so erkennt er zugleich mit seinem Wesen auch alles Wesen und Gesetz des allgemeinen Natur- oder Weltgeistes überhaupt; denn alles Reale ist leben durch und durch, alles Leben ist Anschauen, und die intellectuelle Anschauung erkennt in der Anschauung, also unmittelbar in sich selbst, das Wirkliche.« (S. 212, Neunte Vorlesung über Schelling)//​
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 +Wie aussagekräftig auch immer diese Passagen sind — wie über Ørsted wird man feststellen müssen, dass von Gedankenexperiment im modernen Sinn nicht die Rede sein kann —, so ist doch die Wortverwendung bemerkenswert,​ zumal sie in den weiteren Auflagen erhalten bleibt. Die erste Passage findet sich in der 3. »theilweise umgearbeiteten« Auflage von 1843 auf S. 125; in der 4. »durchgängig revidirten und vermehrten« Auflage von 1848 auf S. 123, in der 5. »durchgängig revidirten und theilweise umgearbeiteten« Auflage von 1860 auf Seite 104. Es ist nicht erkennbar, dass Chalybäus Ørsted gelesen hat; möglicherweise hat er also das Wort selbst neu gebildet.
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 +===== 3. von Fichte 1841 =====
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 +In zeitlicher Nachbarschaft findet sich das Wort auch bei einem anderen Philosophen,​ nämlich bei Immanuel Hermann von Fichte in seiner umfangreichen //​Charakteristik der neueren Philosophie,​ zur Vermittlung....//​ In der zweiten Auflage von 1841 wird Schelling zitiert, und zwar aus der Abhandlung »Über den wahren Begriff der Naturphilosophie ...« (1801): ​
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 +//»Ob jene Produkte die in der Erfahrung vorkommenden sind, oder nicht, kümmert mich vorerst nicht; ich sehe bloß auf die Selbstkosntruktion des Subjekt-Objekts. Entstehen ​ durch dieselben Produkte und Potenzen der ideellen Thätigkeit,​ wie sie in der Natur aufgezeigt werden können, so sehe ich freilich, daß mein Geschäft eigentlich ein Deduciren der Natur, d.h. Naturophilosophie war; — obgleich Ihr mir, nachdem ich für mich das **Experiment** angestellt habe, gestatten werden, meine Philosophie im Voraus als Naturphilosophie anzukündigen.« (S. 775-776)// ​
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 +Das »Experiment« der Schellingschen gedanklichen Konstruktionen erfährt seine Rechtfertigung,​ erläutert Fichte, durch die »nachherige Vergleichung der in seinen Konstruktionen aufgewiesenen Potenzen mit den in der wirklichen Erfahrung gegebenen natürlichen« und den Aufweis der 
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 +//»zu verhoffenden Übereinstimmung jener mit diesen .... dies nachträgliche Faktum ... ist der wahre und einzige Beweis für die Realität der Konstruktion,​ mithin für den spekulativen Charakter des ganzen Beginnens, welches, sobald sich jene Übereinstimmung nicht fände, nach Schellings eigenem Geständnisse,​ nur für ein leer subjektives,​ bedeutungsloses **Gedankenexperiment** gehalten werden müsste.« (S. 776-777)//
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 +In diesem Zusammenhang ist die Vorstellung des Experimentierens durch Schellings eigene Wortwahl vorgegeben; das Gedankliche des Experimentierens besteht in genuin philosophischer Tätigkeit. Die Auseinandersetzung mit Schelling findet sich in der ersten Auflage von Fichtes Werk noch nicht, die 1829 erschien (und nur den halben Umfang hatte), entsprechend auch nicht das Wort »Gedankenexperiment«.
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 +===== 4. Dircking-Holmfeld 1839 =====
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 +Etwa zur gleichen Zeit liest man das Wort allerdings auch in ähnlicher Weise, wie man es heute umgangssprachlich gebraucht findet, in einer politikwissenschaftlichen Abhandlung, und zwar //im Journal für rationelle Politik//, das bis 1838 //​Politisches Journal// hieß. Offenbar hat den Band 1839 der in Bocholt geborene »Dänische Amtmann und Kammerjunker« (so heißt es auf dem Titelblatt) Konstantin Dirckinck-Holmfeld im Alleingang verfasst. Das Wort »Gedankenexperiment« verwendet er zweimal, zuerst in einer Abhandlung über »Dänemarks politische Stellung«. Darin geht es um einen aktuellen Artikel einer dänischen Zeitung, die sich mit der Frage beschäftigte,​ ob, wenn Russland und Schweden eine Allianz eingegangen sein sollten, Dänemark danach streben sollte, dieser beizutreten. Dirckinck-Holmfeld sieht Dänemark "dem großen westlichen Culturgebiete"​ zugehörig (S. 157) und meint, dass dies auch der öffentlichen meinung entspreche:
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 +//»Niemand bei uns, weder Regierung noch Regierte, werden einen Augenblick in Zweifel seyn, wo unser rechter Platz ist, wenn die Umstände es unmöglich machen, die Neutralität zu bewahren, welche allerdings mit des Königs und Volkes Wünschen am meisten stimmt und unsern Kräften und Interessen am angemessensten ist. Uebrigens ist es wohl überflüssig zu bemerken, dass eine friedliche Lösung der grossen Zeitfragen sowohl die wünschenswertheste als die wahrscheinlichste ist und dass wir die Erörterung daher mehr wie ein **Gedankenexperiment** betrachten, wie eine Form, unter welcher man sich Dännemarks politischen Standpunkt deutlich macht ....« (157-158).//​
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 +Im gleichen Jahrgang schreibt er, angeregt von einem Leserbrief, einige Bemerkungen über »Dännemarks Zukunft«:
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 +//​»Dännemarks Zukunft. Unter diesem Titel ist uns ein kleiner Aufsatz zugestellt, welcher sich mit der Frage beschäftigt:​ „ob es für Dännemark politisch räthlich sey russische oder englische Partei im Fall eines Conflicts zu ergreifen?​“ und diese Frage dahin entscheidet und es zu begründen sucht, dass die russische Allianz vorzuziehen sey.« (S. 275) ... »Wir abstrahiren von der Unwahrscheinlichkeit des ganzen Conflicts, der, wenn isolirt eintretend, schwerlich in diesen Regionen ausgefochten werden wird, und betrachten auch die Erörterung als ein **Gedankenexperiment**,​ durch welches man sich das eine und das andere klarer machen will.« (S. 281)//
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 +In beiden Fällen verwendet Dirckinck-Holmfeld das Wort also durchaus im heutigen umgangssprachlichen Sinne, um zu betonen, dass es um die Erläuterung //​kontrafaktischer//​ Situationen geht.
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 +===== 5. Wörterbücher und Lexika des 18. und 19. Jahrhunderts =====
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 +Enttäuschend ist ein Blick in die Wörterbücher und Lexika des 19. Jahrhunderts. Im [[http://​www.woerterbuchnetz.de/​DWB|Deutschen Wörterbuch (DWB)]] der Brüder Grimm ist nicht einmal das Wort »Experiment« verzeichnet,​ geschweige denn »Gedankenexperiment«.((Der Band 4 Forschel bis Gefolgsmann erschien 1878.)) Das Wort »Experiment« erscheint immerhin bereits in der zweiten Auflage von Johann Christoph Adelungs //​Grammatisch-kritischem Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart//, dessen erster Band A-E 1793 erschien,​(([[http://​www.woerterbuchnetz.de/​cgi-bin/​WBNetz/​wbgui_py?​sigle=Adelung&​lemid=DE02316]])) und kommt bei Goethe laut [[http://​www.woerterbuchnetz.de/​GWB|Goethe-Wörterbuch]] etwa 320mal vor. Noch früher sind wir mit Zedlers //Großem vollständigen Universal-Lexicon aller Wissenschaften und Künste//. Band 8 (1734) enthält das Lemma [[https://​www.zedler-lexikon.de/​index.html?​c=blaettern&​id=91557&​bandnummer=08&​seitenzahl=1203&​supplement=0&​dateiformat=1%27)|»Experimentum. Versuch«]]. ​
  
  
gedankenexperimente/theorie_wortgeschichte.txt · Zuletzt geändert: 2018/12/24 12:58 von jge