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gedankenexperimente:uhrmacher

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gedankenexperimente:uhrmacher [2020/06/06 12:44]
jge [3. Anmerkung]
gedankenexperimente:uhrmacher [2020/06/06 14:37] (aktuell)
jge [4. Literatur]
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 ===== 2. Szenario ===== ===== 2. Szenario =====
  
 +Was wäre, wenn man beim Spaziergang in der Natur, weit und breit kein Mensch, man eine Taschenuhr fände? Die Taschenuhr wäre leicht als Fremdkörper zu erkennen, weil sie vom Rest der Natur verschieden ist. Ihre Fremdheit besteht in ihrer Zweckmäßigkeit. Diese erkennbare Zweckmäßigkeit ist ein Grund dafür, die Taschenuhr als Artefakt, als gemachtes Objekt zu erkennen.
  
 +Wenn man analog in der Natur solche Zweckmäßigkeit erkennt, z.B. im Sehvermögen des menschlichen Auges, dann kann man wie bei der Taschenuhr darauf schließen, dass dieses nützliche Organ nur entstehen konnte durch einen planvoll handelnden Urheber. Die Zweckmäßigkeit des Auges beweist daher die Existenz eines Schöpfergottes.
  
  
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   * Jean-Jacques Rousseau verwendet die Analogie in seinem Roman //Emile// (1762), wie der Wikipedia-Artikel nachweist.   * Jean-Jacques Rousseau verwendet die Analogie in seinem Roman //Emile// (1762), wie der Wikipedia-Artikel nachweist.
  
-==== Inhalt ====+==== Zum Inhalt ====
  
-Das Argument ist eine Variante des '​argument from design'​ für die Existenz Gottes, das heute gern von Anhängern der '​Intelligent design'​-These vorgebracht wird. In der Diskussion ist zu unterscheiden,​ ob man das Argument als solches oder die Paleysche Fassung diskutiert. Grundsätzlich scheint es mir sinnvoll, den historischen Ort des Arguments zu betonen. Die Uhrmacher-Analogie leitet ​sein Werk ein; dann führt er detaillierte Beispiele von seines Erachtens sinnvoll geformten Phänomenen in der Natur an, wie z.B. die sinnfällige Zweckmäßigkeit des menschlichen Auges. Die Analogie behauptet also:+Das Argument ist eine Variante des '​argument from design'​ für die Existenz Gottes, das heute gern von Anhängern der '​Intelligent design'​-These vorgebracht wird. In der Diskussion ist zu unterscheiden,​ ob man das Argument als solches oder die Paleysche Fassung diskutiert. Grundsätzlich scheint es mir sinnvoll, den historischen Ort des Arguments zu betonen. ​ 
 + 
 +Die Uhrmacher-Analogie leitet ​Paleys ​Werk ein; dann führt er detaillierte Beispiele von seines Erachtens sinnvoll geformten Phänomenen in der Natur an, wie z.B. die sinnfällige Zweckmäßigkeit des menschlichen Auges. Die Analogie behauptet also:
  
   - ein Auge (ein Ohr etc.) ist in seiner Zweckmäßigkeit der Taschenuhr ähnlich,   - ein Auge (ein Ohr etc.) ist in seiner Zweckmäßigkeit der Taschenuhr ähnlich,
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 Sieht man sich Paleys Szenario an, dann irritiert es mich ohnehin, dass es sich auf die //​Zweckmäßigkeit//​ der Uhr konzentriert. Paley hat sicher recht darin, dass man eine Taschenuhr, die man in der Natur findet, sofort als Fremdkörper dort erkennen würde, selbst wenn man von Uhren ansonsten keine Ahnung hätte (vielleicht so, wie ich in einem lateinischen Text ein Zitat aus dem griechischen erkenne, auch wenn ich kein Latein kann). Dies funktioniert völlig unabhängig von der "​Zweckmäßigkeit"​ der Taschenuhr; es ist eher die Qualität der Künstlichkeit des Objekts und seine besondere Materialität,​ die Art seiner Gleichmäßigkeit etc. (So wie im Film //2001 - Odyssee im Weltall// der schwarze Quader auf dem Mond als Fremdkörper zu erkennen ist, obwohl nicht einmal erkennbar ist, ob er überhaupt einen Zweck hat.) Die Annahme, jeder würde die Zweckmäßigkeit der Uhr erkennen, weil jeder erkennen würde, dass sie die Zeit misst, lässt außer Acht, dass Paleys Form der Zeitmessung mit einer Taschenuhr eine Menge kulturelles Wissen und eine bestimmte Konzeption von Zeit voraussetzt. ​ Sieht man sich Paleys Szenario an, dann irritiert es mich ohnehin, dass es sich auf die //​Zweckmäßigkeit//​ der Uhr konzentriert. Paley hat sicher recht darin, dass man eine Taschenuhr, die man in der Natur findet, sofort als Fremdkörper dort erkennen würde, selbst wenn man von Uhren ansonsten keine Ahnung hätte (vielleicht so, wie ich in einem lateinischen Text ein Zitat aus dem griechischen erkenne, auch wenn ich kein Latein kann). Dies funktioniert völlig unabhängig von der "​Zweckmäßigkeit"​ der Taschenuhr; es ist eher die Qualität der Künstlichkeit des Objekts und seine besondere Materialität,​ die Art seiner Gleichmäßigkeit etc. (So wie im Film //2001 - Odyssee im Weltall// der schwarze Quader auf dem Mond als Fremdkörper zu erkennen ist, obwohl nicht einmal erkennbar ist, ob er überhaupt einen Zweck hat.) Die Annahme, jeder würde die Zweckmäßigkeit der Uhr erkennen, weil jeder erkennen würde, dass sie die Zeit misst, lässt außer Acht, dass Paleys Form der Zeitmessung mit einer Taschenuhr eine Menge kulturelles Wissen und eine bestimmte Konzeption von Zeit voraussetzt. ​
  
-Paleys Argument setzt auf der anderen Seite voraus, dass die Vergleichsobjekte,​ also z.B. die Organe, tatsächlich von wunderbarer Zweckmäßigkeit sind. +Paleys ​Analogie-Argument setzt auf der anderen Seite voraus, dass die Vergleichsobjekte,​ also z.B. die Organe, tatsächlich von wunderbarer Zweckmäßigkeit sind. Das kann man ebenfalls bestreiten. In der ZEIT vom 11.8.2005 erklärte der Biologe Steve Jones [[https://​www.zeit.de/​2005/​33/​Kreationismus/​komplettansicht|"​Gott pfuscht auch"​]];​ das Auge beispielsweise sei keineswegs besonders zweckmäßig gestaltet.  
 + 
 +Eine dritte Art des Einwands bezieht sich auf die Methodik des Analogieschlusses. So benutzte der preußische Hofrath Johann Daniel Friedrich Rumpf in seiner Argumentationslehre von 1833 den von ihm so genannten "​physiko-theologischen Beweis"​ als Beispiel und schrieb: 
 + 
 +»... so ist freilich nicht zu läugnen, daß eine Menge von Gegenständen in der Sinnenwelt von der Art sind, daß wir ihre Einrichtung nicht anders begreifen können, als wenn wir einen Zweck, einen Absicht aufsuchen, weshalb sie so eingerichtet sind. Es ist also die Zweckmäßigkeit für uns ein Erklärungsgrund,​ wenn wir mit den mechanischen Ursachen nicht ausreichen; allein aus dem Unstande, daß wir die Einrichtung gewisser Dinge nicht anders begreifen können, als wenn wir annehmen, daß sie nach einem bestimmten Zwecke hervorgebracht sind, folgt noch gar nicht, daß ein solches Ding wirklich einen vernünftigen Urheber habe. Es ist dies nichts als eine Hypothese, also kein Beweisgrund. Man würde ja sonst schließen, "was ich nicht erklären kann, ist so," und das wird doch wohl Niemand behaupten. 
 +Ferner erschleicht der physiko-theologische Beweis die Annahme Eines Urhebers der Welt, denn er vergleicht die Natur als ein zweckmäßiges Ganzes mit einem menschlichen Kunstwerke, und nimmt analogisch an, weil das, was wir von der Welt kennen, zusammenstimmend ist, so wird Alles zusammenstimmend sein, ob wir gleich die Natur nur dem kleinsten Theile nach kennen, mithin durch einen gewaltigen Sprung im Schließen, aus der Zweckmäßgikeit des bekannten Theils auf die durchgängige Zweckmäßigkeit des unbekannten Theils einen Schluß machen. Dies ist hier um so mehr der Fall, da uns in der Welt Manches als unzweckmäßig,​ selbst als ein Übel erscheint; man müßte sich durchaus auch darauf einlassen, dieses anscheinend Zweckwidrige in der Welt zu erklären und die Gottheit zu rechtfertigen. Man würde sich aber nicht auf die Unmöglichkeit berufen dürfen, die Weisheit Gottes zu ergründen, denn sonst würde man einen Zirkel im Beweise machen. Man würde nämlich von der Zweckmäßigkeit der Sinnenwelt auf das Dasein eines allweisen Urhebers, und von diesem schließen, daß Alles, was in der Welt sich findet, -- auch das anscheinend Unzweckmäßige -- zweckmäßig sein müsse. 
 +Aber gesetzt auch, die Welt sei von einem vernünftigen Wesen hervorgebracht,​ so können wir doch höchstens nur annehmen, dieses Wesen habe so viel Kraft und so viel Verstand gehabt, als dazu gehört, um diese Welt zu machen, nicht aber, daß es den höchsten Verstand, und die höchste Kraft besitze. Wir würden von der Welt höchstens nur auf einen mächtigen, weisen und gütigen Bildner oder Baumeister schließen können, der wie ein menschlicher Künstler einem gegebenen Stoff eine zweckmäßige Form ertheilte, keinesweges aber auf ein allerhöchstes Wesen. 
 +Der physiko-theologische Beweis kann also nicht als strenger Beweis für das Dasein Gottes gelten.« 
 + 
 +Johann Daniel Friedrich Rumpf: Die Disputir- und Vortragskunst : eine praktische Anleitung zum logischen Beweisen und Widerlegen und zum folgerichtigen Gedankenvortrage;​ gemeinfasslich dargestellt und durch Beispiele anschaulich gemacht. - Berlin : Hayn, 1833, hier S. 153-154
  
 +===== 4. Literatur =====
 +Enthalten in: Levy 2017, 35-38.; Tittle 2005, 34-35. Bossart 173-176.
  
-Die entscheidende Frage ist, ob die Welt so ist wie eine Uhralso von erkennbarer Zweckmäßigkeit. Wenn Paley mit einem Stein vergleicht, dann hat er in der Umgebung, für die er sich die Frage nach der Auffälligkeit und Zweckmäßigkeit stellt, einen Vergleichsgegenstand. Den gibt es für die '​Schöpfung'​ nicht, da sie ja als das Gesamt aller Dinge zu denken ist. Außerdem bezieht sich die Zweckmäßigkeit der Uhr auf etwas außerhalb ihrer selbst — kann man die Uhr nicht darauf beziehen, ist sie auch nicht so interessant. Dass sie z.B. die Zeit anzeigt, ist eine Eigenschaft,​ die sich durch etwas außerhalb der Uhr konstitutiertAuch hier ist bei der analog gedachten '​Schöpfung'​ nicht zu sehenwas das wohl sein könnte.+  * Benjamin C. JantzenAn Introduction to Design ArgumentsCambridge University Press2014(Nicht eingesehen)
  
-===== 6. Fachliche Einordnung =====+===== 5. Fachliche Einordnung =====
  
    * Religionsphilosophie    * Religionsphilosophie
    
gedankenexperimente/uhrmacher.1591440292.txt.gz · Zuletzt geändert: 2020/06/06 12:44 von jge