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gedankenexperimente:wohlwollende_gottheit

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Wohlwollende Gottheit

1. Quelltext

David Hume: Dialoges concerning natural religion. 2. ed. London 1779. Part 11, 199-203.

»It must, I think, be allowed, that, if a very limited intelligence, whom we shall suppose utterly unacquainted with the universe, were assured, that it were the production of a very good, wise, and powerful Being, however finite, he would, from his conjećtures, form beforehand a diffèrent notion of it from what we find it to be by experience; nor would he ever imagine, merely from these attributes of the cause, of which he is informed, that the effect could be fo full of vice and misery and disorder, as it appears in this life. Supposing now, that this perfon were brought into the world, still assured that it was the workmanship of such a sublime and benevolent Being ; he might, perhaps, be surprised at the disappointment; but would never retract his former belief, if founded on any very solid argument; since such a limited intelligence must be sensible of his own blindness and ignorance, and must allow, that there may be many solutions of those phenomena, which will for ever escape his comprehension.

But supposing, which is the real case with regard to man, that this creature is not antecedently convinced of a supreme intelligence, benevolent, and powerful, but is left to gather such a belief from the appearances of things; this entirely alters the case, nor will he ever find any reason for such a conclusion. He may be fully convinced of the narrow limits of his understanding; but this will not help him in forming an inference concerning the goodness of superior powers, since he must form that inference from what he knows, not from what he is ignorant of. The more you exaggerate his weakness and ignorance, the more diffident you render him, and give him the greater suspicion that such subjects are beyond the reach of his faculties. You are obliged, therefore, to reason with him merely from the known phenomena, and to drop every arbitrary supposition or conjecture.

DID I show you a house or palace, where there was not one apartment convenient or agreeable; where the windows, doors, fires, passages, stairs, and the whole oeconomy of the building, were the source of noise, confusion, fatigue, darkness, and the extremes of heat and cold; you would certainly blame the contrivance, without any farther examination.

The architect would in vain display his subtilty, and prove to you, that if this door or that window were altered, greater ills would ensue. What he says may be strictly true: The alteration of one particular, while the other parts of the building remain, may only augment the inconveniencies. But still you would assert in general, that, if the architect had had skill and good intentions, he might have formed fuch a plan of the whole, and might have adjusted the parts in such a manner, as would have remedied all or moft of thefe inconveniencies. His ignorance, or even your own ignorance of such a plan, will never convince you of the impossibility of it. If you find many inconveniencies and deformities in the building, you will always, without entering into any detail, condemn the architect.

In short, I repeat the question: Is the world, considered in general, and as it appears to us in this life, different from what a man, or such a limited being, would, beforehand, expect from a very powerful, wife, and benevolent Deity? It must be strange prejudice to assert the contrary. And from thence I conclude, that, however consistent the world may be, allowing certain suppositions and conjectures, with the idea of such a Deity, it can never afford us an inference concerning his existence.«

Deutsch: David Hume: Dialoge über die natürliche Religion. 3. Aufl. Leipzig 1905. Übers. von Friedrich Paulsen. Teil 11. http://www.zeno.org/nid/20009186913

»(…) es muß, denke ich, zugestanden werden, daß, wenn einem ganz beschränkten Verstande, der nach der Voraussetzung mit der Welt durchaus unbekannt sein müßte, versichert würde, sie sei das Erzeugnis eines sehr guten, weisen und mächtigen, wenn auch endlichen Wesens, daß dieser Verstand im voraus aus Vermutungen sich von ihr eine andere Vorstellung machen würde, als uns die Erfahrung an die Hand gibt; er würde bloß aus diesen Eigenschaften der Ursache, die man ihm genannt hat, urteilend nie darauf fallen, daß die Wirkung so voll Laster und Elend und Unordnung sein könne, als sie in diesem Leben erscheint. Nehmen wir nun an, diese Person werde in die Welt gebracht, noch überzeugt, daß sie das Werk eines so erhabenen und wohlwollenden Wesens ist, so möchte sie wohl durch eine Enttäuschung überrascht werden, würde jedoch die vorige Überzeugung, wenn sie anders auf irgendeinen triftigen Beweis gegründet war, nicht aufgeben. Denn ein so beschränkter Verstand müßte sich seiner Blindheit und Unwissenheit bewußt sein und zugestehen,[115] daß es manche Auflösungen dieser Schwierigkeit geben möge, die für immer seinem Begreifen sich entzögen. Nehmen wir dagegen an, und das ist in Bezug auf uns Menschen wirklich der Fall, daß dies Geschöpf nicht von vornherein die Überzeugung von dem Dasein einer solchen höchsten, wohlwollenden und mächtigen Intelligenz mitbringt, vielmehr solchen Glauben aus den Erscheinungen der Dinge zu gewinnen angewiesen ist, so liegt die Sache vollständig anders und er wird für solchen Schluß keinen Grund finden. Er mag vollkommen überzeugt sein von den engen Grenzen seines Verstandes, aber das kann ihm nicht zu einer Folgerung bezüglich der Güte höherer Wesen verhelfen; da er doch diese Folgerung aus dem, was er weiß, nicht aus dem, was er nicht weiß, machen muß. Je mehr Ihr seine Schwäche und Unwissenheit steigert, um so mißtrauischer macht Ihr ihn und verstärkt seinen Zweifel, ob nicht diese Dinge über den Bereich seiner Fähigkeiten hinausgehen. Ihr seid daher genötigt, lediglich aus den bekannten Erscheinungen mit ihm zu argumentieren und jede willkürliche Annahme oder Vermutung beiseite zu lassen.

Wenn ich Euch ein Haus oder einen Palast zeige, wo es nicht ein zweckmäßiges oder angenehmes Zimmer gäbe, wo die Fenster, Türen, Öfen, Flure, Treppen und die ganze Einrichtung des Gebäudes die Ursache von Lärm, Unordnung, Ermüdung, Dunkelheit und Übermaß von Hitze oder Kälte wären, so würdet Ihr sicher den Plan ohne weitere Prüfung tadeln. Der Baumeister würde vergeblich seinen Scharfsinn in Beweisen erschöpfen, daß das Übel noch größer würde, wenn diese Tür oder dies Fenster geändert würde. Was er sagt, mag völlig wahr sein; die Abänderung einer Einzelheit, während die andern Teile des Gebäudes bleiben, mag lediglich die Unzuträglichkeiten vermehren. Ihr würdet trotzdem bei der allgemeinen Behauptung bleiben, daß der Baumeister, wenn er Geschicklichkeit und guten Willen gehabt hätte, einen solchen Plan des Ganzen hätte entwerfen und so die Teile anordnen können, daß alle oder die meisten Unzuträglichkeiten wären vermieden worden. Seine Unkenntnis und auch Eure eigene Unkenntnis eines solchen[116] Planes werden Euch nie von seiner Unmöglichkeit überzeugen. Wenn Ihr an dem Gebäude viele Unzuträglichkeiten und unschöne Verhältnisse findet, werdet Ihr stets, ohne weiter in eine detaillierte Untersuchung einzutreten, den Baumeister verurteilen.

Ich wiederhole kurz die Frage: ist die Welt, im allgemeinen betrachtet und wie sie uns in diesem Leben erscheint, verschieden von der, welche ein Mensch oder ein so beschränktes Wesen im voraus von einer sehr mächtigen, weisen und wohlwollenden Gottheit erwarten würde? Es müßte ein wunderliches Vorurteil sein, das Gegenteil zu behaupten. Hieraus schließe ich, daß die Welt, wie sehr sie immer, gewiße Annahmen und Vermutungen vorausgesetzt, mit der Idee einer solchen Gottheit verträglich sein möchte, uns niemals eine Folgerung auf sein Dasein an die Hand geben kann. Die Verträglichkeit leugne ich nicht, aber die Folgerung.«

2. Szenario

Man stelle sich vor, ein etwas beschränkter Mensch würde aufwachsen im Glauben, die Welt, in der er lebt, sei geschaffen von einer wohlwollenden und allmächtigen Gottheit. Er wäre vielleicht überrascht über den Zustand der Welt, wäre sich aber darüber im Klaren, dass er selbst, beschränkt wie er ist, nicht unbedingt die tiefe Weisheit in der Anlage der Welt erkennen könnte. Aber man stelle sich vor, er wachse ohne eine solche Vorstellung auf und müsste urteilen allein aufgrund seines Augenscheins von der Welt. Käme er dann auf die Idee, sie wäre von einem wohlwollenden, allmächtigen Wesen geschaffen worden?

3. Anmerkung

Hume versucht damit das 'Argument from design' (siehe Paleys Uhrmacher-Gedankenexperiment) zu widerlegen.

5. Literatur

Enthalten in: Tittle 2005, 32-33.

6. Schlagworte

  • Hume, David (1711-1776)
  • Religionsphilosophie
  • Ontologie und Metaphysik
  • Klassisches Gedankenexperiment
gedankenexperimente/wohlwollende_gottheit.1546789186.txt.gz · Zuletzt geändert: 2019/01/06 16:39 von jge